Holle, 3. Juni 2015

Nachricht

Judo baut Brücken

Zu Gast bei Gleichgesinnten: Blinde Jugendliche von den Philippen trainieren mit den Holler Judoka

Holle. Bernd Lühmann wippt nervös mit den Füßen. Der Judo-Trainer sitzt in der Umkleidekabine der Mohldberghalle in Holle. Um sechs Uhr sollten fünf blinde Judoka von den Philippinen ankommen. Sie sollen heute gemeinsam mit der U-18-Mannschaft der Holler Judoka trainieren. „Die sind gestern erst gelandet“, beruhigt sich Lühmann, „und hatten heute schon Programm.“ Wenige Minuten später trudeln drei Jungen und zwei Mädchen in blauer Schulkleidung in die Kabine, gefolgt von zwei Betreuern. „Davao School for the Blind“ steht auf ihren Taschen. Davao ist die drittgrößte Stadt der Philippinen. Die Jugendlichen besuchen Hildesheim, um das 125-jährige Bestehen der Hildesheimer BlindenMission zu feiern. Sie ist die älteste Blindenmission in Deutschland und finanziert sechs Blindenschulen in Südostasien.

Nach einer zaghaften Begrüßung ziehen die philippinischen Judoka weiße Holler Judo-Anzüge an. Dann führt sie Betreuer Adrian Villarino in die mit weichen Matten ausgelegten Halle. Eine kurze Begrüßung. Und schon leitet die philippinische Judo-Division das Aufwärmtraining. Die 20 Holler Judoka machen mit. Dann geht es ins Einzeltraining. Eine ungewohnte Situation: Judoka, die normalerweise nur mit Nicht-Blinden trainieren, müssen achtsam mit den Bedürfnissen ihrer Gäste umgehen.

Normalerweise gehen die Judo-Kämpfer aufeinander zu und beginnen direkt mit dem Kampf. Blinde Judoka müssen zunächst Körperkontakt suchen, um genau zu wissen, wo ihr Gegner steht. Auch das Erlernen der unzähligen Würfe funktioniert bei Blinden anders. „Blinde können Bewegungen nicht einfach kopieren“, erklärt Eduardo Estores, Direktor der Blindenschule. „Sie müssen also über Körperkontakt erlernt werden.“ Das ist beim Judo so, aber auch bei jeder anderen Bewegung. In der „Davao School for the Blind“ helfe man den Schülerinnen und Schülern „sich selbst zu helfen“, so Estores.

Jetzt wird das Training intensiver. Judo-Trainer Bernd Lühmann hat eine spezielle Lizenz für das Judo-Training mit Menschen mit Behinderung. Behutsam leitet er das Training und führt Holler Judoka mit den philippinischen Gästen zusammen. Dann ruft er laut „Ha-jime“, das Kommando, um zu beginnen, und zwei Körper drängen gegeneinander, werfen sich auf den Boden und versuchen sich gegenseitig auf die Schultern zu drücken. Auch für die nicht-blinden Judoka ist es eine bereichernde Erfahrung. Sprachprobleme gibt es kaum. Die Judo-Bezeichnungen sind auf der ganzen Welt auf Japanisch.

Katrin Hillebrandt, Referentin für Patenschaften bei der Hildesheimer BlindenMission, betreut die insgesamt zehn Schülerinnen und Schüler umfassende Gruppe von den Philippinen. Bisher laufe alles sehr gut, auch wenn die Organisation gar nicht so einfach gewesen sei. Insgesamt sind 120 Jugendliche aus sechs Ländern in Hildesheim. Sie sind auf Konzertreise und geben bis zum 14. Juni mehrere Konzerte in der Region.

Am Ende des Trainings in Holle führen die philippinischen Judoka noch eine kleine Performance vor. Dann bedankt sich Schuldirektor Eduardo Estores bei allen Beteiligten: „Wir sind sehr froh, dass wir heute hier sein durften.“ Christoph Möller

Bilder

Bernd Lühmann beobachtet einen Judo-Wurf. In Holle haben die philippinischen Gäste beste Trainingsbedingungen. Fotos: Möller

Eduardo Estores ist zum ersten Mal in Deutschland. Judo, sagt er, sei auf den Philippinen nicht sehr populär.

Judo kann Brücken bauen. Das Philippinisch-Deutsche Judotraining für alle eine Bereicherung.