Hildesheim, 27. Januar 2015

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Geschichten zwischen den Gleisen

100 Jahre Bahnhofsmission versammeln sich im Buch „Zwischen//Räume“

Das Team hinter "Zwischen//Räume": Gestalterin Diane Feininger, Autorin Silke Pohl, Bettina Gehrz (Konzeption und Umsetzung) und Matthias Böning (Geschäftsführer des Diakonischen Werks Hildesheim. Foto: Neite

Hildesheim. 100 Jahre gibt es die Bahnhofsmission Hildesheim nun schon. Am Dienstagabend wurde das Buch zum Jubiläum vorgestellt. Unter dem Titel „Zwischen//Räume“ hat sich Autorin Silke Pohl auf eine „Identitäts- und Spurensuche“ begeben. Rund 70 Gäste lauschten Lesungen und Musik im vollbesetzten Michaelis-Gemeindehaus.

Warum ein Buch zum Jubiläum? Helmut Aßmann, Superintendent des Kirchenkreises Hildesheim-Sarstedt, hat eine Erklärung: „Die Geschichten, die darin erzählt werden, machen einen auf Anhieb vertraut mit der Bahnhofsmission.“ Und damit, was sich auf dem Hauptbahnhof Hildesheim abspielt – zwischen Gleis 2 und 3.

Das Dazwischen, so sagt es Aßmann, habe sich als guter Ort für die Bahnhofsmission Hildesheim erwiesen. Zwischen Innenstadt und Nordstadt. Zwischen Ankunft und Abreise. Es sei darum gegangen, all die bunten Geschichten sichtbar werden zu lassen, die sich in diesem Zwischenraum abspielten, ergänzt Bettina Gehrz. Die Leiterin der Bahnhofsmission Hildesheim zeichnet die Entstehung des Buchprojekts nach, das durch einen roten Aktenordner angestoßen wurde.

Zwischen Zeitungsausschnitten und Texten fand sich darin der Satz: „Die Bahnhofsmission in Hildesheim wurde um 1914 gegründet.“ Silke Pohl, Germanistin und Angestellte der Bahnhofsmission, recherchierte weiter. Vor allem wurden beim Nachforschen viele kleine Geschichten gestreift. Von Menschen, die Station machten oder strandeten in der Bahnhofsmission.

Und so ist das Buch ein Kaleidoskop aus Lebensgeschichten und Erinnerungsspuren geworden, die im Hauptbahnhof Hildesheim zusammenlaufen: Ein Wohnungsloser, der im Rausch fabuliert. Eine demenzkranke, alte Dame, die aus ihrem Pflegeheim verschwunden ist und in der Bahnhofsmission wieder auftaucht. Ein Mann, der von seiner Ehefrau getrennt aus dem Urlaub zurückkehrt und am Hauptbahnhof Hildesheim nicht weiterkommt. Ein Jugendlicher mit geistiger Behinderung, der die Bahnhofsmission besucht, um Traumreisen zu unternehmen.

Corinna Eikmeier (Cello) und Maria Büsing (Altflöte) begleiteten den Abend musikalisch. Foto: Balzer

Es sind Geschichten zwischen Tragik und Komik, die das Publikum im Michaelis-Gemeindehaus zum Lachen und Nachdenken bewegen. Einen besonderen Ton treffen Bahnhofsmissions-Schreiberin Sabine Aschoff und die ehrenamtliche Mitarbeiterin Erdmute Erdmann, die den Alltag zwischen den Gleisen mit viel Witz und gutem Auge nachzeichnen.

Einblicke in die schwierige Lebenswirklichkeit eines Gastes der Bahnhofsmission erlaubt der Text „Nichts – ist keine Antwort“, aus dem Matthias Böning, Geschäftsführer des Diakonischen Werks, vorliest. Studierende der Universität bereichern den Abend mit literarischen Fragmenten, die dem Bahnhof als „Ort des Übergangs“ nachspüren.
Dazu gibt es viel Musik. Etwa von Cellistin Corinna Eikmeier und Maria Büsing an der Altflöte. Oder von Frank Giesen, der sich in seinem Song „Lang ist's her“ mit Wohnungslosigkeit und Armut auseinandersetzt. Und, nicht zuletzt, von Mehmet Cetik, der an diesem Abend zur Baglama singt. Türkische Volkslieder, die erfahrbar machen, wie das ist: aufzubrechen und zurückzulassen.

Und am Ende gibt Barbara Ziegler, Geschäftsführerin der Deutschen Bahnhofsmissionen, Landesgruppe Hannover, noch einmal einen Ausblick: Wie könnte es nun weitergehen? Wichtig seien vor allem die ehrenamtlichen Mitarbeiter, ohne die keine Bahnhofsmission auskomme, betont Barbara Ziegler. Die Bahnhofsmission müsse die Entwicklung des Reisens aufmerksam beobachten und ihr Angebot „dazwischen“ gut platzieren.

Das Buch „Zwischen//Räume – Die ersten 100 Jahre Bahnhofsmission Hildesheim“ ist beim Diakonischen Werk in der Klosterstraße oder in der Bahnhofsmission erhältlich sowie per E-Mail unter bahnhofsmission.hildesheim@evlka.de. Oder bei ameis Buchecke, Goschenstraße 31 und in der Andreaspassage.