Hildesheim, 21. Juni 2017

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Wohnst Du schon?

Die Wohnungsnot in Hildesheim nimmt zu / Wohlfahrtsverbände und Sozialberatungen fordern bezahlbaren Wohnraum für alle

In der Herberge zur Heimat informieren unter anderem Vertreter der Diakonischen Werke, der ambulanten Obdachlosenberatung, Asyl e.V. oder vom Mietverein über die Lage auf dem Wohnungsmarkt. Foto: Stöckemann 

Hildesheim. Die 80-Jährige hatte keine Kraft mehr. Acht Monate war sie auf Wohnungssuche. Ihr Mann musste plötzlich ins Altenheim, allein konnte sie nicht in ihrer bisherigen Wohnsituation bleiben. Eine neue Bleibe zu finden, gestaltete sich jedoch schwieriger, als sich die Rentnerin hätte träumen lassen. Jetzt hat sie endlich eine Wohnung gefunden, aber zufrieden ist sie nicht. „Ich muss Treppen steigen und das Bad ist zu klein, um mit einer Gehhilfe hineinzukommen.“

Die Wohnungssuche ist ohnehin oft eine Geduldsprobe. Für immer mehr Menschen wird sie allerdings sogar zum Spießrutenlauf. Betroffen sind AsylbewerberInnen, Wohnungslose, Haftentlassene, aber auch Studierende, Bewohnerinnen von Frauenhäusern oder eben SeniorInnen. Auch in Hildesheim besteht Nachholbedarf. Laut Wohnraumversorgungskonzept von 2015 benötigt die Stadt bis 2020 bis zu 1550 neue Wohnungen. Die Schätzung stammt allerdings aus der Zeit vor dem Flüchtlingszuzug. In Hildesheim leben ohnehin vergleichsweise viele einkommensschwache Haushalte. 2015 lag der Anteil bei 25,1 Prozent.

Die Kreisarbeitsgemeinschaft der Wohlfahrtsverbände und die Arbeitsgemeinschaft Sozialberatung fordern nun bezahlbaren Wohnungsraum für alle. Zur AG gehören unter anderem Asyl e.V., die Beratungsstelle für Arbeitslose, der Caritasverband, das Diakonische Werk, die Drogenhilfe, das Frauenhaus, die Gemeinde Guter Hirt, die Herberge zur Heimat, KWABSOS, der Mieterverein oder der Sozialdienst katholischer Frauen. Auch die ambulante Wohnungslosenhilfe ist dabei.

Dort arbeitet Rouven Aschemann. Sein Alltag wird zusehends schwieriger. Am Langen Garten betreibt die Stadt Hildesheim eine Obdachlosenunterkunft, „und wir sind sehr dankbar, dass es diese Einrichtung gibt“, betont Aschemann. Die sollte aber eigentlich nur eine Übergangslösung für die BewohnerInnen sein. Für immer mehr wird sie jedoch zum Dauerzustand. Denn die Adresse ist bei der Wohnungssuche ein Stigma. Keine Adresse angeben zu können, ist allerdings kaum besser. Immer mehr Menschen kommen deswegen bei Freunden unter, und sei es nur für kurze Zeit. Aktuell betreut Aschemann eine Person, die sich in einer Gartenlaube eingerichtet hat. In Deutschland ist das eigentlich verboten.

Neun Monate verbrachte eine andere Klientin im Frauenhaus, mit ihrer Tochter. In drei Städten suchte sie. Dreimal täglich ging sie alle Anzeigen im Netz durch. „Teils musste ich Unterlagen wie meinen Pass und Arbeitsnachweise schicken, um überhaupt einen Besichtigungstermin zu bekommen.“ Die Behörden und Ämter legten weitere Steine in den Weg. 60 Quadratmeter sollen für zwei Personen ausreichen. Kosten übernehmen die zuständigen Stellen aber nur eingeschränkt. Dieser Mietspiegel orientiert sich jedoch meist nicht am Wohnungsmarkt.

Die Not treibt manche Menschen sogar zu zwielichtigen Gestalten. Einem Asylbewerber aus dem Irak ist es so ergangen. Schon sein Name verwehrt ihm viele Besichtigungen. Dazu kommt die Sprachbarriere. Über Tipps aus seinem Umfeld geriet er an einen Hildesheimer. Der besorgte ihm eine Wohnung, verlangt dafür aber 800 Euro. Eine illegale Maklergebühr quasi.

Vier Forderungen stellen die Kreisarbeitsgemeinschaft der Wohlfahrtsverbände und die Arbeitsgemeinschaft Sozialberatung. Die Stadt soll Sozialwohnraum schaffen. Mindestens 20 Prozent müssten bei der Ausweisung neuer Baugebiete darauf entfallen. Hildesheim soll sich außerdem als Gebiet mit angespanntem Wohnungsmarkt ausweisen. Das würde den Einbezug in die Niedersächsische Mieterschutzverordnung ermöglichen. Zusätzlich soll ein Leerstandskataster geschaffen werden. Die Obdachlosenhilfe soll verbessert werden. Das entsprechende Konzept stammt noch aus dem Jahr 2012. Schlussendlich soll ein Amt für Wohnungswesen geschaffen werden. Die Stadt Hildesheim hat das vor zehn Jahren abgeschafft. Björn Stöckemann