Hildesheim, 18. September 2017

Nachricht

„Jesus wäre bei Attac“

Ulrich Duchrow über Luther und dessen Ablehnung des Frühkapitalismus / Zu Gast in St. Michaelis

  

Der Sozialethiker Ulrich Duchrow ist einer von Deutschlands renommiertesten Kritikern des globalen Kapitalismus. Er lehrt an der Universität Heidelberg, ist Mitglied im wissenschaftlichen Beirat von Attac und hat die 94 Thesen „Die Reformation radikalisieren - provoziert von Bibel und Krise“ mit verfasst.

Herr Duchrow, landauf, landab feiert die Republik das 500. Jubiläum der Reformation. Sie sprechen hingegen vom „vergessenen Luther“. Wie passt das zusammen?

Ich finde, ein Aspekt der Reformation ist aus dem Fokus der Öffentlichkeit gerückt. Luthers hat seine Kritik maßgeblich an die Käuflichkeit des Heils gerichtet.

Also zum Beispiel die Ablassbriefe?

Die waren nur die Spitze des Eisberges. Denn wenn das Heil schon käuflich ist, muss die Käuflichkeit der Dinge grundsätzlich eine entscheidende Rolle spielen. Das war nicht nur ein Frömmigkeitsproblem. Luther hat sich gegen die Anpassung der Kirche an das Kapital gewehrt.

Wie das?

Am einfachsten erschließt sich das durch den „Großen Katechismus“. Das erste Gebot betrachtet Luther darin sowohl aus ethischer als auch theologischer Sicht. Denn schon Jesus erinnert, dass die Gläubigen nicht zwei Herren dienen können. Damit meint er Gott und, als Widerspieler, den Mammon als „allgemeinsten Abgott“ in der Gesellschaft.. Luther beschreibt das aber nicht nur als persönliches Problem, sondern als gesellschaftlichen Missstand.

Unter diesem Gesichtspunkt interpretiert er dann das siebente Gebot, „Du sollst nicht stehlen“.

Das bezieht sich konkret auf diese Thematik. Wobei es nicht um die Taschendiebe, sondern die Erzdiebe am Markt geht. Durch „alle Stände“ hindurch ist dieses System ein „weiter Stall von großen Dieben“ geworden. Das führt er in seiner Schrift „Von Kaufshandlung und Wucher“ aus. Er sieht den Frühkapitalismus als ein Raubsystem.

Diesem Gedanken folgend: Kann ein Kaufmann dann überhaupt Christ sein?

Sicher. Er darf dann nicht aus Geld mehr Geld machen, sondern muss für seinen Unterhalt wie jeder andere arbeitende Mensch seine Arbeitszeit messen und dies mit dem Lohn eines Tagelöhners multiplizieren. Auch sollen die Obrigkeiten für das Gemeinwohl in die Märkte intervenieren, fordert Luther. Er sieht aber, wie diese durch die Hochfinanz wie die Fugger korrumpiert sind. Heute wäre Luther wohl Anhänger des skandinavischen Modells. Strukturen wie transnationale Konzerne lehnte er ab.

In der evangelischen Kirche kommt das trotzdem kaum zur Sprache.

2003 gab die Vollversammlung des Lutherischen Weltbundes eine Erklärung gegen die neoliberale Globalisierung ab. Darin wird unser Wirtschaftssystem unter anderem als Götzendienst kritisiert. Das Deutsche Nationalkomitee des LWB strich diese Passagen – angeblich aus Platzmangel. Lutherischer und Reformierter Weltbund, der Ökumenische Rat der Kirchen und auch der Papst haben den imperialen Kapitalismus klar verworfen. In Deutschland fürchtet die Kirche das. Deswegen freue ich mich, dass die Hildesheimer mich trotzdem eingeladen haben.

Mit diesen Aussagen dürften Sie sich aber nicht nur Freunde machen.

Ich komme viel rum, vor allem an der Basis. Die Menschen kennen die Realität. Seit der Finanzkrise ist die Offenheit spürbar. Der jüngst verstorbene Heiner Geißler hat richtigerweise gesagt: Jesus wäre bei Attac. Das sollte sonnenklar sein. Unsere Erde geht kaputt, denn Kapital braucht Wachstum. Sonst hätten wir schon längst eine Recyclingwirtschaft.

Sind Sie zuversichtlich, dass dieser lutherische Gedanke irgendwann Wirklichkeit wird?

Schwierig. Das ist eine Frage der Wechselwirkung zwischen Politik, Wirtschaft und der Psyche der Leute. Die Mittelklasse müsste ihr illusionäres Bewusstsein aufgeben. Diese Menschen könnten Schaden von unserer Erde abwenden. Einzelne Gemeinden haben diese Mission schon aufgenommen – weltweit. Deswegen hoffe ich weiter auf die Kirche.

Prof. Dr. Ulrich Duchrow spricht am Donnerstag, 21. September, in der Michaeliskirche. Beginn des Vortrags „Der vergessene Luther - Was hat uns seine Kritik am Frühkapitalismus heute zu sagen?“ ist um 19.30 Uhr. Der Eintritt ist frei. Es ist der Auftakt zu einer vierteiligen Vortragsreihe.